Chatkontrolle: Die vielleicht dümmste und gefährlichste Tech-Idee seit Jahrzehnten
Stell dir vor, jede Nachricht, jedes Urlaubsfoto, jedes geheime Geständnis, das du verschickst, wird still und heimlich geprüft – nicht von der Person, die es empfängt, sondern von einer staatlich abgesegneten Scanning-Software direkt auf deinem Smartphone. Willkommen in der Zukunft der „Chatkontrolle“ – oder besser gesagt, im digitalen Polizeistaat, der sich nur wie Kinderschutz anfühlt. Was die EU-Kommission da unter CSA-Verordnung plant, wirkt wie der größte Eingriff in private Kommunikation seit dem Internet – und das ohne auch nur irgendeinen belastbaren Beleg, dass so eine Überwachung überhaupt funktionieren würde. Ja, richtig gehört: Es gibt keinerlei unabhängige, nachvollziehbare Evidenz, dass Client-Side-Scanning irgendwas gegen Missbrauch ausrichten könnte. Kein Beleg. Keine Garantie. Nichts als potenzielles Chaos. Und trotzdem klingt das nach einer riesigen Gefahr.
Und als ob das nicht schon risky genug wäre, trifft so eine Scanning-Software die Open-Source-Welt mitten ins Herz. Open-Source bedeutet doch gerade, dass jeder Code lesen, prüfen, ändern und verbessern kann – dadurch ist er oft sicherer. Genau deshalb vertrauen kritische Infrastruktur, Webserver, Bibliotheken, Betriebssysteme darauf. Wenn aber eine gesetzlich vorgeschriebene Überwachungssoftware in jede App eingebaut werden muss, stellt sich doch die Frage: Wie soll das in Open-Source-Projekten funktionieren? Jede Code-Änderung ist sichtbar. Jede Hintertür fällt sofort auf. Jede Überwachungskomponente wäre öffentlich – und damit höchst verwundbar.
Die logische Folge? Entweder Open Source müsste plötzlich Geheimcode enthalten (was die Idee komplett absurd macht) oder viele Projekte würden schlicht nicht mehr existieren, weil sie nicht mit der Überwachungsarchitektur kompatibel sind. Stell dir vor, wir müssten genau die Software verbieten oder einschränken, die das Internet seit Jahrzehnten stabil, sicher und frei hält: Linux, Firefox, Signal, Thunderbird, LibreSSL, OpenVPN, WireGuard. Alles Projekte, die von Transparenz leben – und damit unser digitales Rückgrat bilden. Wenn diese Integrität schwindet oder juristisch unter Druck gerät, verlieren wir mehr als ein paar Programme. Wir verlieren die technologische Unabhängigkeit, die überhaupt erst das freie Internet möglich gemacht hat.
Und wer glaubt, man könne das Problem lösen, indem man nur serverseitig scannt – also erst nach dem Versenden kontrolliert – der irrt. Dann würde End-to-End-Verschlüsselung komplett kippen. Ohne echte Verschlüsselung funktioniert Online-Banking, E-Commerce, digitale IDs, VPNs, Firmengeheimnisse, Whistleblower-Portale – alles bricht zusammen, wenn Verbindungen unsicher werden. Verschlüsselung ist kein Nice-to-have. Sie ist das Fundament des Internets. Wenn man das schwächt, muss man das ganze Haus riskieren. Und genau das passiert hier, nur um eine Überwachungsmethode zu ermöglichen, deren Wirksamkeit niemand belegen kann.
Technisch gesehen ist das Ganze schon ein Albtraum: Behörden sollen Nachrichten scannen, um Kinderpornografie zu finden, und Anbieter müssen eine Überwachungssoftware direkt in ihre Apps integrieren. Klingt harmlos? Ist es nicht. Es geht nicht nur um gezielte Ermittlungen – es geht um massenweises, automatisiertes Scannen aller Kommunikation. Und das Beste, oder eher Schlimmste daran: Viele Messenger wie Signal, WhatsApp oder Threema sind Ende-zu-Ende verschlüsselt. Die Kontrollen müssten also direkt auf dem Gerät stattfinden, bevor irgendetwas verschlüsselt wird. Man könnte es einen staatlich verordneten Trojaner in der Hosentasche nennen. Eine digitale Wanze, die alles prüft, was du tippst, bevor es überhaupt den Empfänger erreicht. Und wer glaubt, das sei harmlos, sollte mal mit Kryptografen oder dem Chaos Computer Club sprechen – die warnen schon lange vor offenen Türen für Missbrauch und Überwachung.
Der Moment, in dem eine legale Hintertür in ein sicheres System kommt, ist der Moment, in dem dieses System kaputtgeht. Es ist, als würde ein Haus extra Schlüssel für Diebe bauen – aber mit dem Schild: „Nur für die Guten.“ Klingt absurd? Genau so läuft es. Und als Beispiel für das, was passieren könnte, zeigen Staaten wie China heute schon, wohin es geht: scannen, zensieren, kontrollieren – Echtzeit-Überwachung. Was in Peking Alltag ist, könnte morgen Europa statt Brüssel zum Standard erklären. Dafür wird gerade an einer Infrastruktur gearbeitet. Und glaub nicht, dass du nichts zu verbergen hast. In einer Welt, in der Algorithmen über Schuld oder Unschuld entscheiden, kann schon ein harmloses Strandfoto, ein verpatzter Witz oder ein falsch kontextualisierter Screenshot genügen, um dich unter Verdacht zu stellen. Die Erkennungssoftware ist fehleranfällig, die Trefferquote unklar, die Falschmeldungen hoch, der Vertrauensverlust riesig.
Und noch ein Sicherheitsrisiko: Chatkontrolle öffnet eine gefährliche Tür, die jedes Datenleck verblassen lässt. Scansoftware braucht Zugriff auf Inhalte, bevor sie verschlüsseln – sprich, sie arbeitet mit mächtigen Rechten direkt auf dem Gerät. Hacker und Geheimdienste freuen sich schon. Wer Zugriff auf diese Schnittstellen hat, hat potenziell Zugriff auf alles: Chats, Fotos, Dokumente, das ganze Leben. Die Chatkontrolle landet nicht nur in der Diskussion – sie wird schrittweise auf jedes Gerät gebracht und macht uns alle zu Zielscheiben.
Was an dem Plan besonders perfide ist, ist die moralische Keule dahinter. „Es geht doch um Kinderschutz“, heißt es dann oft. Aber echter Kinderschutz braucht Prävention, Aufklärung, Polizisten, internationale Zusammenarbeit – nicht flächendeckende Totalüberwachung. Wer die Gesellschaft überwacht, um Kriminelle zu fassen, arbeitet eher mit Verdacht als mit Gerechtigkeit. Und es gibt weder technischen noch juristischen Konsens, dass dieser Plan funktioniert. Kein Pilotprojekt, keine verlässliche Trefferquote, kein echter Nachweis. Aber Millionen Geräte sollen vorbereitet, Millionen Nutzer entmündigt und Milliarden private Nachrichten durchsucht werden. Das ist kein Schutz, das ist Größenwahn mit Gesetzesmaske.
Was Chatkontrolle wirklich bedeutet? Das Ende der Privatsphäre, wie wir sie kennen. Verschlüsselung, die sichere Kommunikation ermöglicht, würde sterben. Europa rutscht in eine Grauzone zwischen Überwachung und Willkür. Und wer glaubt, das bleibe auf Kindesmissbrauch beschränkt, hat den Blick für die politische Realität verloren: Heute geht’s um Bilder, morgen um Inhalte, übermorgen um oppositionelle Meinungen. Die Infrastruktur dafür ist schon gelegt. Und bereit, gegen jeden eingesetzt zu werden.
Wenn eine solche Kontrolle einmal akzeptiert wird, geben wir nicht nur unsere Chats auf. Wir verlieren Vertrauen in Technologie, digitale Souveränität und Freiheit. Und das alles für eine Überwachung, deren Wirksamkeit niemand kennt. Orwell hätte sich das nicht besser ausdenken können. Chatkontrolle ist keine Sicherheitsmaßnahme. Sie ist ein Angriff auf die Demokratie – auf uns alle.